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Straße:
Buntentorsteinweg (bei Nr. 2)
Osterstraße
Denkmaltyp:
Abortgebäude & Bedürfnisanstalt & Gleichrichterwerk der BSAG
Listentext:
Buntentorsteinweg, Bedürfnisanstalt am Buntentor, 1905-1906 von Max Fritsche (2025)
Baugeschichte:
1906 Errichtung der öffentlichen Bedürfnisanstalt°
1989 Umbau zum Gleichrichterwerk der BSAG
Kurzbeschreibung:
Die um 1905/06 von der Bremer Hochbauinspektion unter Wilhelm Knop errichtete Bedürfnisanstalt am Buntentorsteinweg gehört zu einer Reihe baugleicher "Vollanstalten", die den hygienischen Reformbestrebungen der Jahrhundertwende verpflichtet waren. Ihre Entstehung steht im Kontext der europäischen Hygienebewegung, die - getragen von Medizinern wie Virchow und Pettenkofer - Hygiene als soziale Wissenschaft und als städtebauliche Aufgabe verstand. Die öffentlichen Toiletten fungierten dabei als sichtbare Manifestationen der Modernisierung: Sie machten die mit dem Ausbau der Kanalisation verbundene, ansonsten unsichtbare Infrastruktur symbolisch im Straßenraum präsent und verbanden technische Funktionsanforderungen mit bürgerlicher Körper- und Moralpolitik.°
Die Bremer Vollanstalten markierten einen kulturgeschichtlichen Einschnitt, da sie erstmals eine geschlechtergetrennte, aber gleichberechtigte Nutzung öffentlicher Sanitäranlagen ermöglichten. Wie die Forschung (u. a. Berndt, Möllring) zeigt, spiegelte diese Entwicklung die kontrollierte Öffnung des öffentlichen Raums für weibliche Körperlichkeit wider. Damit wurde die Bedürfnisanstalt zu einem Baustein einer neuen urbanen Ordnung, die Hygiene, Disziplinierung und soziale Teilhabe miteinander verknüpfte.°
Architektonisch entwarf Max Fritsche einen repräsentativen Pavillon auf quadratischem Grundriss, dessen Quaderputz, Giebelaufbauten und Putzbänderungen bewusst an die klassizistischen Torhäuser der 1820er-Jahre anknüpften. Die Gestaltung sollte den Leitgedanken des "reinen und geordneten Raums" verkörpern und Hygiene als ästhetische wie moralische Kategorie sichtbar machen. Im Inneren verfügte die Anlage über getrennte Zugänge und über die für die hygienische Architektur des 19. Jahrhunderts zentralen Prinzipien von Luftzirkulation, Belichtung und Reinigbarkeit.°
Die Umnutzung um 1990 zum Gleichrichterwerk führte zu einer vollständigen Entkernung des Innenraums; historische Oberflächen und Raumstrukturen gingen verloren. Äußerlich blieben jedoch die Fassaden mit ihren charakteristischen Proportionen und Öffnungen weitgehend substanziell erhalten. Trotz dieser Veränderungen bleibt die Anlage am Buntentorsteinweg ein wichtiges Dokument der Bremer Stadthygiene, das den Übergang zu einer moralisch codierten, technisch gestützten Moderne exemplarisch sichtbar macht.
Objekt @ Künstler:
Entwurf
Architekt/Künstler:
Fritsche, Max
Kommentar:
Hochbauinspektion
Lit.-Kurztitel:
Berndt, Heide: Hygienebewegung des 19. Jahrhunderts als vergessenes Thema von Stadt- und Architektursoziologie =°
Die Alte Stadt 14 (1987) 2
Lit.-Kurztitel:
Möllring, Bettina: Toiletten und Urinale für Frauen und Männer, Diss. UdK Berlin, 2003